Buntes Spektakel: Tanzen bedeutet für Tamilen Identität

In Biberist ging über Ostern ein kultureller Grossanlass der Tamilen friedlich über die Bühne. Ein Besuch am Tanzfest Nadiyamail, zu dem Tamilen aus der ganzen Schweiz anreisten.

Doch um die Organisation gibt es Streit. Hunderte Tamilen warnen nun den Regierungsrat per Unterschrift: Wird der Anlass nicht verboten, kommt es zu Gewalt. Die Polizei winkt ab. Die Organisatoren vermuten politische Gründe hinter der Aktion.

So einfach war eine Reise an die Arugam Bay noch nie: Mit einem kleinen Schritt über die Türschwelle der Biberena beginnen die Osterferien auf Sri Lanka. Ohne Jetlag. Curry ist ein viel zu profaner Name für die exotischen Gerüche, die hier in der Luft schweben. Hier wird aus dem Vollen geschöpft: Das Essen ist lecker und sehr scharf. Es ist alles schön bunt: Von den Süssigkeiten über die Kleider bis hin zum glitzernden Schmuck, den es für ein paar wenige Franken zu kaufen gibt.

In traditioneller Kleidung und mit Schellen an den Füssen, die den Rhythmus akzentuieren, tanzen die Mädchen und jungen Frauen den tamilischen Bharatanatyam. Sie erzählen mit Gestik und Mimik Geschichten aus der Kultur der Hindus. Die Gruppe mit Dhiviyaa Satkunanathan und Melbaa Kilbert stellte zum Beispiel zwei Episoden mit Inkarnationen des Gottes Vishnu dar, wie er die ungläubigen Bösewichte vernichtet und die Welt wieder ins Lot bringt.

Die Tamilen bezeichnen die Sprache als die Mutter ihrer Kultur und deshalb lernen ihre Kinder diese auch in der Schweiz. «Meine Mutter ist Tanzlehrerin und ich finde es wichtig, dass wir unsere Wurzeln und Traditionen pflegen. Wenn wir unsere Sprache nicht mehr sprechen würden, wäre sie für die nächste Generation verloren», erklärt Dhiviyaa Satkunanathan, warum sie sich auch als Tamilin fühlt, obwohl sie in der Schweiz geboren wurde. «Das Tanzen ist unsere Identität.»

 

«Bindung an Familie ist stark»

«Ich lebe den Traum für meine Mutter», sagt Melbaa Kilbert. «Unsere Bindung an die Familie ist sehr stark, die tamilischen Kinder wollen ihre Eltern glücklich sehen. Meine Mutter hätte gerne getanzt, aber ihre Familie war zu arm und sie konnte es sich nicht leisten. Es war ihr Wunsch, dass ich tanze und so hat sie mich mit ihrer Leidenschaft angesteckt.»

Der Konflikt, der dazu führte, dass ihre Eltern aus Sri Lanka flüchten mussten, ist heute unter Kontrolle und die meisten Tamilen, die hier aufgewachsen sind, konnten schon einmal in ihre zweite Heimat reisen. «Es ist wunderschön dort, mit all den Tempeln und den herrlichen Stränden», sagt Dhiviyaa Satkunanathan. «Die tamilische Kultur ist meine Inspiration, aber leben will ich hier in der Schweiz.»

Die Kulturen seien sehr unterschiedlich. «In der Schule werden wir zu Schweizerinnen erzogen und zu Hause sind die Eltern sehr strikt mit uns Mädchen. Die tamilische Familie will ihre Töchter beschützen und behandelt sie wie Prinzessinnen. Für die Buben ist es etwas einfacher, sie geniessen mehr Freiheiten. So erleben wir, dass sich beide Kulturen recht stark abgrenzen. Ich fühle mich in der Mitte, halb Tamilin und halb Schweizerin. Ich will von beiden Seiten das Positive nehmen, damit für mich zwischen den beiden Kulturen keine Kluft entsteht.»

 

Liveübertragung in die Welt

So verwandeln sich bestens integrierte, junge Frauen für fünf Tage zu hunderten in traditionelle, tamilische Tänzerinnen. Zu tausenden reisen die Zuschauer aus der ganzen Schweiz für das Spektakel nach Biberist. Seit 1998 wird der Anlass mit dem Namen Nadiyamail durchgeführt. Der Aufwand ist gewaltig: Mit drei Kameras werden die Tänze aufgenommen und live im Internet in die ganze Welt übertragen. Die Musiker werden extra aus Indien und Sri Lanka eingeflogen.

Per App kann man auf dem Handy jederzeit erfahren, welche der rund 800 Tänzerinnen gerade auf der Bühne stehen und welches der nächste Auftritt sein wird. Vom Streit zwischen den zwei Lagern, in die sich der Verein der hier lebenden Tamilen gespalten hat, war während des Anlasses nichts zu spüren. «Für uns Tamilen ist das Fest extrem wichtig und ich bin sehr froh für alle die Tänzerinnen, die so viel geübt haben, dass wir es trotz der Schwierigkeiten durchführen können», sagte Iyngaran Kunapathy vom Vorstand der Solothurner Tamil Welfare Association. Harmonisch und friedlich war die Stimmung in der Biberena.

Dem aufmerksamen Beobachter fiel einzig auf, dass ab und zu ein Patrouillenfahrzeug der Solothurner Kantonspolizei vorbei- fuhr. Iyngaran Kunapathy: «Wir sind den Behörden sehr dankbar, dass sie unsere Anliegen ernst nehmen und für die Sicherheit unseres Festes sorgen.

Source: http://www.solothurnerzeitung.ch/solothurn/kanton-solothurn/buntes-spektakel-tanzen-bedeutet-fuer-tamilen-identitaet-131239825

 

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