»Es ist ein Aufschrei der gesamten Bevölkerung«

Sri Lanka: Tamilen demonstrieren für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen durch die Regierung. Ein Gespräch mit N. Malathy

N. Malathy ist eine tamilische ­Schriftstellerin und lebt im Exil in ­Neuseeland

In der ersten Februarwoche haben Zehntausende ­Tamilinnen und Tamilen im Norden und Osten Sri Lankas demonstriert. Was steckthinter dem Kampagnenmotto »P2P«?

Anlässlich des 73. Unabhängigkeitstages von Sri Lanka wurde von Tamilen ein friedlicher Protestmarsch durch ihre Heimat Tamil Eelam (Eelam ist die tamilische Bezeichnung für Sri Lanka, jW) durchgeführt, der am 3. Februar begann und vier Tage dauerte. »P2P« steht dabei für »Pottuvil-to-Polikandy« und kennzeichnet die Route des Marsches, der am südlichsten Punkt Tamil Eelams, in Pottuvil, begann und am nördlichsten Punkt, in Polikandy, endete. Dieser 500 Kilometer lange Marsch erstreckte sich über die acht Distrikte der Nord- und Ostprovinzen Sri Lankas, die das historische und rechtmäßige Heimatland der Eelam-Tamilen umfassen. Tamilische Politiker, zivile und religiöse Gemeinschaften sowie Studierende schlossen sich zu Fuß oder mit Fahrzeugen dem Protest an. Insgesamt nahmen mehr als 50.000 Demonstranten teil.

Was war – im Vergleich zu vergangenen Demonstrationen – das besondere an dieser Protestaktion?

Vor der gewaltsamen Auseinandersetzung, die in den 1970ern begann, versuchten die Tamilen zwei Jahrzehnte lang auf friedlichem Wege für ihre Rechte einzutreten. In dieser Zeit erhielten ihre Proteste, Probleme und Forderungen nicht die nötige internationale Aufmerksamkeit. Erst durch die gewaltsamen Ausschreitungen zwischen Tamilen und Singhalesen wurde die Welt auf den Konflikt aufmerksam. Unter dem Vorwand der »Terrorbekämpfung« wurde dieser Krieg mittels eines Genozids durch die sri-lankische Regierung im Jahr 2009 beendet. Elf Jahre danach vereinten sich Tamilen erstmals erneut in einer großen friedlichen Protestaktion und verdeutlichten, dass nicht Forderungen einzelner Personen oder Gruppen vertreten werden, sondern dass es sich um einen Aufschrei der gesamten Bevölkerung handelt.

Was war der Auslöser für diese Aktion?

Als der Bürgerkrieg im Jahr 2009 beendet wurde, wurden Rufe nach Gerechtigkeit laut. Jedoch wurden diese von der Weltgemeinschaft ignoriert. Die Militärpräsenz in tamilischen Distrikten verhindert ein wirtschaftliches Wachstum. Seit einem Jahrzehnt hält die Umsiedlung von Singhalesen in die tamilischen Gebiete an und wird sogar beschleunigt. Gefangene, denen die Beteiligung am Bürgerkrieg vorgeworfen wird, sind ohne Recht auf Verhandlung weiter in Haft. Diese gezielten Maßnahmen gegen die Tamilen über die vergangenen zehn Jahre waren letztendlich der Auslöser.

Was sind die Hauptforderungen?

Die Tamilen fordern Gerechtigkeit für die ermordeten und verschwundenen Zivilisten im Bürgerkrieg sowie das sofortige Ende des anhaltenden strukturellen Genozids. Das Ziel der Demonstrationen war es, die Aufmerksamkeit der UNO auf Menschenrechtsverletzungen der sri-lankischen Regierung zu lenken. Mit diesem Marsch erhofften sich die Tamilen, dass unabhängige Untersuchungen und Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofes eingeleitet würden. Weitere zentrale Forderungen waren die Entmilitarisierung tamilischer Siedlungsgebiete und die Aufhebung des repressiven »Prevention of Terrorism Act«.

Wie reagierte die sri-lankische Regierung?

Sie leitete rechtliche Schritte ein, um die Demonstration zu verhindern. Mit der Begründung, das Coronavirus einzudämmen, wurde in diversen Distrikten das Recht auf Versammlungsfreiheit ausgesetzt. In einigen Distrikten wurde die Demonstration ganz verboten. Dennoch nahmen mehr als 50.000 Menschen an ihr teil. Mit Bereitschaftspolizisten und starker Militärpräsenz sollten Protestierende zudem eingeschüchtert werden. Der Geheimdienst hat Demonstranten gefilmt und ihre Namen notiert. Identifizierten Teilnehmern drohen hohe Haftstrafen. Darüber hinaus besteht eine große Gefahr durch paramilitärische Gruppen.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/396744.leugnung-von-kriegsverbrechen-es-ist-ein-aufschrei-der-gesamten-bevölkerung.html

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