Musikrezension: Anoushka Shankar

Anders als ihre Schwester Norah Jones, die überwiegend durch – oftmals allzu – seichte Souljazzgefilde wandelt, hat Anoushka Shankar das traditionelle Erbe ihres Vaters, des Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, nie verleugnet und macht damit, ähnlich wie Solange Knowles im Verhältnis zu Beyoncé, die glattweg bessere Musik. So auch auf Land of Gold, Shankars neuem, bei der Deutschen Grammophon erschienenen Album, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, Stolz und Vorurteil-Regisseur Joe Wright, sowie dem für seine filmischen Klanglandschaften bekannten Björk-Mitstreiter Matt Robertson produziert hat.

Mit entsprechend exotischer Anmutung legt das „Boat To Nowhere“ behutsam ab und nimmt den Hörer sofort mit in sehr, sehr ferne Welten. Mehr Fahrt nimmt das Album mit „Secret Heart“ auf, das musikalisch weit weniger anmutig zur Sache geht, während „Jump In (Cross The Line)“ erstmals Vocals ins bislang rein instrumentale Spiel bringt, genauer: die aggressiv vorwärtspreschenden und doch auf mysteriöse Art tiefenentspannten Stakkato-Lyrics der englisch-sri-lankischen Alternative-HipHopperin Mathangi „Maya“ Arulpragasam, die als M.I.A. unlängst auch die Herzen der deutschen Feuilletonisten erobert hat.

Es ist vor allem das Klavier auf „Dissolving Boundaries“, das Land of Gold in westliche Fahrwasser treibt, wobei Mitch Jones‘ Pianokaskaden Shankars Sitarklängen zunächst einen weichen Teppich bieten, bis sich auch dieser Frieden als brüchig erweisen und durch collagenartig hineingeschnittene Nachrichten-Sprachschnipsel empfindlich gestört werden soll – denn genau darum geht es auf Land of Gold, ist das gesamte Album doch Anoushka Shankars ganz persönliche Auseinandersetzung mit, wenn nicht gar Antwort auf die humanitäre Krise und das Trauma, das die Menschen durchleiden müssen, die vor Krieg und Armut aus ihrer Heimat fliehen, auf der Suche nach dem goldenen, dem gelobten Land. Und diese universalmenschliche Suche aller Entwurzelten fasst die mittlerweile zur Frau gereifte Alev Lenz, die fairaudio-Leser der ersten Stunde noch als Storytelling Pianoplaying Fräulein kennen, auf dem Titeltrack in ob ihrer Einfachheit umso bewegendere Worte, mal umspielt, mal konterkariert von Shankars Sitar.

Nahezu meditativ lässt sich „Last Chance“ an, doch auch hier ist der Frieden nur oberflächlich, denn im Untergrund brodelt es so lange, bis sich die sanften Klänge in einer zunehmend lebensfeindlichen, technoiden Industriegeräuschkulisse verlieren, wo kein Mensch sich mehr regt. Die Stimme der 1937 geborenen britischen Oscarpreisträgerin und politischen Aktivistin Vanessa Redgrave, auch bekannt als „Grande Dame Who Won’t Conform“, sorgt dafür, dass „Remain The Sea“ mehr ist als ein bloßer Spoken-Word-Track, wenn sie die emotional expressive Lyrik von Pavana Reddy (aka Maza-Dhota) vorträgt. Die Synthie-Chor-Kulisse indessen ist ästhetisch zumindest bedenklich, bringt aber die bedrohliche Meeresthematik auf den Punkt. Der Elfminüter „Crossing The Rubicon“ ist derweil angetreten, dem Album einen Suite-artigen Charakter zu verleihen, hat er doch, ohne ans strenge Song-Korsett gefesselt zu sein, alle Zeit dieser Welt, sich zu entfalten und wäre dergestalt durchaus als Ouvertüre zu verwenden für einen musikalischen Ost-West-Dialog, wobei für den Westteil wieder Mitch Jones‘ Pianoklänge sorgen, die sich hier allerdings nicht in freundlichen Arpeggien ergehen, sondern solange vehement zuschlagen, bis die indischen Instrumente die Vorherrschaft an sich reißen, die hier jegliche exotische Anmutung verloren haben und nur noch maximal verdichteter Ausdruck allmenschlicher Regungen sind: Verzweiflung, Wut und ja, auch Hoffnung.

Die dieserart aufgewühlten Gemüter weiß „Say Your Prayers“ wieder zu besänftigen, ein nahezu vergebendes, friedverheißendes Stück, das dank seines repetitiven Charakters meditative Ruhe gibt. Und doch: Wer auf der Suche nach jenem Sound ist, den er von der ayurvedischen Relax-Behandlung kennt, ist hier falsch, denn Klangtapete für Sinnsucher bietet Land of Gold selbst in seinen entspanntesten Momenten nie. Ebensowenig eignet es sich als Betroffenheitssoundtrack, mag es auch aus dem Gefühl entstanden sein, wieviel besser es uns allen, die wir ein Dach über dem Kopf, saubere Kleider am Leib und immerwährenden Zugang zu frischem Wasser und reichhaltiger Nahrung haben, doch geht. Und genau an diesem Punkt setzt „Reunion“ an, der durch den Bass Larry Grenadiers noch mehr Tiefe, noch mehr Ruhe ins Album bringt, den Hörer zunächst erdet, dann durch das zunehmende Tempo aktiviert: Jetzt ist es ganz an ihm.

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Anoushka Shankar | Land of Gold 

source: http://www.fairaudio.de/artikel/musik-rezension/2016/05_mai/cd-shankar.html

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