Tamilen: Hinter der Fassade von Primark

Das riesige Modeunternehmen Primark kündigte letzte Woche dreien seiner Zulieferfirmen, nachdem eine Untersuchung für die Sendung „Panorama“ des BBC und des Observer zu Tage gefördert hatte, dass Kinder in indischen Flüchtlingscamps arbeiten, um einige seiner billigsten Kleidungsstücke zu produzieren. Hier enthüllen wir die brutale Wirklichkeit einer Versorgungskette, die Kinder ab 11 dazu missbraucht, T-Shirts zu nähen, die britische Käufer in Einkaufsstraßen nur wenige Pfund kosten.  (Der Film ist in D’land leider nicht verfügbar)

Primarks beispielloser und überraschender Erfolg vereinnahmte sowohl den Kunden von Traditionsgeschäften als auch den eingefleischten Modefreak mit seiner einfachen Philosophie: Hoch im Stil und niedrig im Preis.

Als Primark seinen ersten Laden in Londons Oxford Street eröffnete, wurde er gestürmt von Schnäppchenjägern und verkaufte mehr als eine Million Kleidungsstücke in den ersten zehn Tagen. Die Eröffnung zog mehr Kunden an als Topshops Präsentation seiner Kate-Moss-Kollektion, bei der das Supermodel selbst in seinen Schaufenstern posiert hatte. Modebibel Vogue bescheinigte einer Jacke von Primark Spitzenqualität.

In der vergangenen Woche kam Primark den Veröffentlichungen des Observer zuvor, indem es mitteilte, drei seiner Kleidungszulieferer aus Indien gekündigt zu haben, nachdem es durch „Panorama“ auf BBC erfahren hatte, dass diese nachweislich Kinder vertraglich beschäftigte. Die Untersuchung ergab, dass in den Flüchtlingslagern in Südindien junge Kinder viele Stunden täglich unter unwürdigen Bedingungen Kleidungsstücke nähten, die dazu beitrugen, dass Primark den britischen Massenanbieter für Kleidung „Marks & Spencer“ im Jahr 2009 mit dem Ergebnis in den Schatten stellte, dass 1 von 10 £, die im UK für Kleidung ausgegeben werden, bei Primark landet.

Andere Händler mühen sich, diesem Konzept „Billig – Schnell – Modisch“ zu folgen – aus gutem Grund. Mit einem Wert von 5 Mrd £ umfasst die Primark-Kette inzwischen 460 000 m2 in 177 Geschäften in drei Staaten und beschäftigt 25 000 Menschen. Aber wie dieser Kinderarbeitsskandal zeigt, kontrollierte dieser irische Mischkonzern, der heute ein Zehntel aller Kleidungsstücke in Großbritannien verkauft, seine Zulieferkette nur unzureichend. Aktivisten fordern jetzt, dass die Regierung die Firmen zur Verantwortung für das Wohlergehen aller Mitarbeiter bis hinunter zu ihren undurchsichtigen Zulieferketten zwingt.

Primark kündigte drei Zulieferern, um einer Welle negativer Publicity auf Grund der Dokumentation zuvor zu kommen. Die Firma, die übrigens Associated Foods gehört, erfüllt nach eigenen Aussagen damit ihre Verantwortung gegenüber ihren Anteilseignern und will nicht, wie Zyniker unterstellen, den Schock einer internationalen Enthüllung abmildern. Die Firma äußerte ferner, dass sie neue Bestellungen bei den betreffenden Fabriken stornierte und Tausende Kleidungsstücke aus ihren Läden nahm, sobald sie durch den Observer und die BBC vor einem Monat auf die Praktiken aufmerksam gemacht worden war.

Das Tempo von Primarks Reaktion könnte bedeuten, dass sein Ansehen in den Einkaufsstraßen bestehen bleibt und sein Ruf wieder hergestellt wird, bevor viele seiner Kunden überhaupt bemerken, dass er beschädigt war. Jedoch hat sich am anderen Ende der Welt nichts geändert für die kleinen Glieder in der Zulieferkette, die den britischen Hunger nach immer billigerer Kleidung stillen:

Kinder wie Mantheesh, die für einen der gekündigten Zulieferer arbeitet: Bereits mit 11 Jahren bietet ihr Leben eine außergewöhnliche Überlebensgeschichte. Sie ist Vollwaise und floh als Tamilin vor den Bombardierungen in Sri Lanka und sah sich auf einer Sandbank von einem opportunistischen Menschenhändler zurückgelassen, 25 km von der Küste entfernt. Erschöpft und dehydriert, inmitten des gefährlichen Palik Strait, der Straße zwischen Indien und Sri Lanka, wurde sie von Fischern gerettet in dem Moment, als die Flut sie wegzuspülen drohte.

Mantheesh kam ins Durchgangslager von Mandapam, einer abgesperrten Reihe von halbzerfallenen einstöckigen Zementblöcken, 20 km entfernt von dem flachen Arichalmunai-Strand, dem ersten Anlaufhafen für Flüchtlinge aus Sri Lanka, die von Schmugglern gebracht werden. Sie spürte den Weg Tausender ihrer Mitflüchtlinge auf, die nach Norden gingen zu den Lagern der großen Textilindustrie von Tamil Nadu, wo es niedere Aushilfsjobs für diejenigen gibt, die verzweifelt genug sind, sie anzunehmen. Mantheesh ging in das Lager von Bhavanisagar, 60 km von Tirapur entfernt. Innerhalb von Monaten war sie ganz von der aufsteigenden indischen Wirtschaft in Anspruch genommen, indem sie mit der Hand von morgens bis abends für einen Geschäftsmann nähte, der auf gerissene Weise Hunderte von Flüchtlingen für Hungerlöhne einstellte, um Kleidungsstücke für ein halbes Dutzend europäischer Firmen herzustellen, darunter auch Primark.

Während meiner Arbeit für den Observer über die letzten drei Jahre half ich dabei, Machenschaften von einigen der weltgrößten Händler zu enthüllen: Otto-Heine, der größte Online-Händler in Europa; Esprit, der fünftgrößte Bekleidungshändler, und Gap Inc, eine der kultigsten modernen Marken – alle hatten Kinder beschäftigt. Jede Firma hatte, ohne es zu wissen, indische Unternehmer gebraucht, die sich wenig Gedanken über die Folgen des Subunternehmertums machten. In dem Labyrinth enger, schlammiger Gassen, die das Rückgrat von Delhi oder Bangalores ärmsten Märkten bilden, fallen Auswärtige sofort auf. Die brechend vollen Gebäude und schwer gesicherten Keller machen es schwer herauszufinden, was hinter verschlossenen Türen vor sich geht. Einige der Produktionseinheiten versteckten sich hinter Falltüren, eine befand sich in einem halbzerfallenen Gebäude, das man nur über eine Strickleiter erreichen konnte. Boten und Wächter sind überall. Sie wachen über gesetzeswidrige Kneipenlöcher, Bordelle und Ausbeuterbetriebe.

Während einer Untersuchung über Kinderarbeit für den Observer im letzten Jahr wurde ich zusammengeschlagen, als ich einen solchen Betrieb in dem gesetzlosen Grenzgebiet des Bundesstaates Haryana in Nordindien betreten hatte. Eine wütende Menge jagte mich durch die alten Gassen, eine No-Go-Area für Fremde und die Polizei. Sie zerstörten Fotozubehör und drohten meinen Übersetzer zu töten, dessen Trommelfell bei diesem Angriff verletzt wurde.

Bhuwan Ribhu, Rechtsanwalt für die Organisation „Global March Against Child Labour“, deren Aktivisten von Gangstern dieser Ausbeuterbetriebe ermordet wurden, hält den Kampf gegen Kinderarbeit für zunehmend gefährlich sowohl für Journalisten als auch Aktivisten. Laut ihm ist dies einer der wesentlichen Gründe, warum große Modelabel internationale Enthüllungen scheuen.

„Die Kunden sollten verstehen, dass es unmöglich ist, all diese Ausbeuterbetriebe und Fabriken aufzuspüren, die Kinder beschäftigen, besonders in der Bekleidungsindustrie, für die man wenig mehr benötigt als einen Keller oder einen Dachboden, der vollgepackt mit Kindern ist, um einen gesunden Profit zu erwirtschaften.

Die Polizei ist auf die seltenen Hinweise angewiesen, weil es schwierig ist, arbeitende Kinder aufzuspüren. Schon bevor die Suchtrupps die Fabriken erreichen, sind die Fabrikbesitzer vorgewarnt worden und haben die Kinder herausgelassen,“ sagt er.

„Besonders dreiste Eigentümer verstecken die Kinder sogar in Säcken und in sorgfältig verborgenen Zwischengeschossen, die absichtlich für den Fall solcher Razzien gebaut wurden. Wir haben einige Aktivisten verloren, die bei ihren Aktionen ermordet wurden. Andere wurden in Ketten gelegt, an Autos gehängt und gezogen.

Jetzt, nach einer siebenmonatigen Undercover-Untersuchung im indischen Elend der Ausbeuterbetriebe für Panorama, fand Primark Einzug in die immer größer werdende „Hall of Shame“ (Halle der Schande, Anspielung auf „Hall of Fame“) der Händler, die nachweislich ihre Kleider von Kindern machen lassen.

Primarks Erfolgsgeschichte ist seinem Geschäftsführer Arthur Ryan geschuldet, einem öffentlichkeitsscheuen Iren in seinen Siebzigern, der kürzlich zum einflussreichsten britischen Händler durch das Handelsblatt „Drapers“ ernannt wurde. Der in Dublin geborene Geschäftsmann soll seine Geschäfte verkleidet in einem alten Regenmantel inspizieren. Seit einigen Tagen hat jedoch George Weston, Geschäftsführer von AB Foods, sich der Säuberungsaktion angenommen. Er bezichtigt Primarks indische Vertragspartner des massiven Handelsbetrugs. Ihm bliebe als Reaktionsmöglichkeit nur, Bestellungen im Wert von Millionen £ zu stornieren. Dies löste Kritik von NGOs aus wie „Labour behind the Label“ (=Arbeit hinter dem Etikett), die der Firma vorwerfen, vor dem Problem ausgebeuteter Arbeiter davonzulaufen.

Ein Sprecher von Primark sagte dem Observer, die Firma habe eine Agentur als Partner bestimmt, die die Arbeit in der und für die Firma von Grund auf beobachten soll, und außerdem eine gemeinnützige Stiftung zugunsten der Kinder gründet. Er sagte: ‚Primark ist eine ethische Organisation, die ihre Verantwortung ernst nimmt. Anderes zu behaupten, ist absolut unverschämt. Die BBC kam zu uns mit sehr ernsten Anschuldigungen gegen das Verhalten einiger weniger Fabriken, die an Primark verkaufen, dem wir sofort und intensiv durch eigene Untersuchungen nachgingen. Was wir vorfanden, ließ uns keine andere Option, als diese Fabriken fallen zu lassen – keine noch so rechtschaffene Person hätte anders gehandelt.‘

„Wir kaufen weiterhin von vielen anderen guten Zulieferern aus der selben Gegend und infolge dessen wird der Wert unserer bestellten Waren gleich bleiben. Die „Primark Better Lives Foundation“ wird Organisationen finanziell unterstützen, die sich der Verbesserung der Lebensqualität junger Menschen verschrieben haben, darunter auch die von der BBC genannten. Millionen Menschen werden weiterhin durch unser Geschäft profitieren. Unsere Kunden können sicher sein, dass sie ethisch einwandfrei arbeitet und jungen Menschen in den Entwicklungsländern zu höherem Lebensstandard und einer besseren Lebensqualität verhilft.“

John Hilary, geschäftsführerender Direktor von „War On Want“ (=eine britische Organisation zur freien Wohlfahrtspflege, deren Ziel die Beseitigung der Armut ist) sagte, die Entdeckung von Flüchtlingskindern als Arbeitende für Primark sei eine „rote Linie“ für alle Händler und ihre Kunden. „War on Want“ möchte nun wie viele andere NGOs die Angelegenheit zur Chefsache von Downing Street machen.

In Großbritannien wurde der Begriff ‚the race to the bottom‘ (=der Wettlauf nach unten) geprägt, um die Praxis internationaler Händler zu beschreiben, die mit Händlern aus Entwicklungsländern Verträge machen, die einsparen, um die Gestehungskosten gering und die Gewinnspannen der westlichen Geldgeber hoch zu halten. Das Aufspüren von Primarks Belieferungskette führte zu einer intensiven Jagd von Neu Delhi bis in die südlichsten Bereiche des Subkontinents.

Mantheeshs Zuhause, das Flüchtlingslager Bhavanasagar, befand sich ganz im Süden. Der fragliche Zulieferer Primarks, ein größerer indischer Exporteur namens „Fab n Fabric“, hatte einen Subunternehmer angestellt, der die unterste, letzte Art von Arbeitskraft für sich entdeckt hatte: Flüchtlingskinder.

Im Norden Sri Lankas, wo der Krieg zwischen tamilischen Separatisten und der sri-lankischen Regierung wütet, entscheiden sich mehr und mehr Menschen, aus ökonomischen Gründen das Land zu verlassen.

„Sich nach Indien schleusen zu lassen, kostet 80 £“, sagte Meenakshi Ganguly von Human Rights Watch. ‚Für die Überfahrt müssen Familien oft Eigentum, z. B. ihr Hochzeitsgold verkaufen. Sie fahren auf illegalen Booten und viele hoffen, nach Norden zu gelangen, um Arbeit zu finden. Sie sind gefangen zwischen Baum und Borke.‘

Ungefähr 76 000 sri-lankische Flüchtlinge leben in Armut in 102 Lagern über den ganzen Bundesstaat Tamil Nadu (früher Madras) verteilt. Weitere Hunderttausende tauchen in Indiens Schattenwirtschaft ab. Die Bundesstaatsregierung stellt Hilfspakete für die Lagerbewohner zur Verfügung: Das Oberhaupt einer Familie erhält 200 Rupien = 3 £ pro Monat, weitere Familienmitglieder erhalten weniger.

Polizei und Staatssicherheitsdienst bewachen die Tore vieler Lager. Ein Regierungsbeamter sagte dem Observer, die Polizei schütze die Flüchtlinge, aber die Tamilen glauben, dass die Wachen mehr damit beschäftigt sind, ihre Aktionen zu kontrollieren und zu überwachen.

In Bhavanasagar wurden viele der für Primark mit der Hand nähenden Kinder im Lager geboren. Andere Kinder, verwaist oder kriegsbedingt von ihren Familien getrennt, sind neuere Zugänge. Ihr Zuhause besteht aus groben Hütten, Strohbüscheln und verrosteten Eisenstücken. Der kleine Laden bietet einzelne Zigaretten und trockene Kekse an.

Die meisten sind auf die Schattenwirtschaft angewiesen, um zu überleben, und örtliche Arbeitgeber bezahlen ihnen weitaus weniger, als es üblich sein sollte. Ein Industriezweig, der ganz auf Kinderarbeit aufbaut, ist die Herstellung von Saris, die Verarbeitung von Pailletten und komplizierte Stickereien – Dinge, die in Amerika und Europa sehr gefragt sind.

Flinke dünne Kinderfinger können komplizierte folkloristische Muster viel schneller herstellen. Aber wenn die jungen Kinder, die Saris herstellen, das Teenageralter erreichen, haben ihre Hände und ihre Augen oft schweren Schaden genommen durch die langen anstrengenden Arbeitsstunden in den dunklen Räumen.

Quelle/Mehr: https://netzfrauen.org/2016/07/31/hinter-der-fassade-von-primark-would-you-still-buy-that-dress-after-watching-this/

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