Versöhnung statt Demütigung

Zehntausende Menschen starben während des Bürgerkriegs in Sri Lanka. Sieben Jahre danach sind die Wunden aber längst nicht verheilt. Die Sieger demütigen die Besiegten, geben ihnen keine Perspektive. Was können die religiösen Führer von katholischen und hinduistischen Tamilen, buddhistischen Singhalesen sowie Muslimen tun?

Von Thomas Kruchem

Seit 24 Jahren lebt die Tamilin Kirusa Judeson in einem Vertriebenencamp in Jaffna. Sie hat Angst, ihre Tochter allein zur Schule zu schicken, sagt sie. (Thomas Kruchem)

Sonntagsgottesdienst in der katholischen St. Mary’s-Kathedrale von Jaffna, der größten Stadt der Tamilen im Norden Sri Lankas. 30 Prozent der Tamilen sind Katholiken, zwei Drittel Hindus; die meisten Singhalesen hingegen sind Buddhisten.

Nicht weit entfernt von der Kathedrale hat Pater Ravichandran sein Büro. Er ist katholischer Priester und Referent für Soziales in der Diözese Jaffna. Die Niederlage der tamilischen Rebellenbewegung LTTE im Jahr 2009 habe schlimme Folgen, bilanziert der junge Priester: Selbstbestimmung für Tamilen sei in weite Ferne gerückt.

Geblieben seien Schmerz und Demütigung. Öffentliche Gedenkfeiern und Rituale für tamilische Kriegsopfer seien verboten.

Viele Kirchen im Norden Sri Lankas, wie diese in Vavuniya, wurden nach dem Krieg sorgsam restauriert. (Thomas Kruchem)

Viele Menschen, sagt Ravichandran, plagten sich mit Schuldgefühlen, weil sie sich von ihren Toten nicht angemessen verabschiedet konnten. All dies habe die tamilische Gesellschaft Sri Lankas zerbrochen:

„Früher hatten die Menschen hier ein Ziel. Sie kämpften als Tamilen für ihre kollektiven Rechte. Der Verlust dieses Ziels hat die Menschen demotiviert und demoralisiert; er hat zu gesellschaftlichem Verfall geführt. Uralte Differenzen zwischen den Kasten, um die sich während des gemeinsamen Kampfes niemand kümmerte, treten wieder zutage; desgleichen die traditionelle Hierarchie in der Familie. Männer schlagen wieder häufiger ihre Frauen.“

Drogen und Gewalt

Nüchtern spricht der katholische Priester darüber, wie Familien durch Flucht und Auswanderung zerbrechen, wie das tamilische Schulsystem kollabiert, obwohl es früher besser war als das der Singhalesen, und wie Drogen- und Gewaltkriminalität vordringen.

Am Tag zuvor – in einem Vertriebenencamp in Jaffna: In vielen Verschlägen leben zwei bis drei Familien; kaum jemand hat einen eigenen Wasseranschluss oder eine Toilette. Seit 24 Jahren lebt Kirusa Judeson in diesem Camp – eine Frau mit dem trotzig-ungetrübten Blick derer, die sich nicht unterkriegen lassen. Viele Vertriebene schlagen sich als Hilfsarbeiter durch, erzählt Kirusa. Andere kaufen Fisch auf dem Markt und verkaufen ihn von Hütte zu Hütte. Kirusa selbst handelt mit Getränken. „Viel Arbeit“, sagt sie. Heute hilft ihr ihre 15-jährige Tochter. Sie hat schulfrei. Kirusa Judeson sagt:

„Unsere politischen Führer haben für heute den ‚Hathal‘ ausgerufen – einen Gedenk- und Protesttag, an dem niemand arbeitet. Wir protestieren dagegen, dass schon wieder ein zwölfjähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet worden ist; und die singhalesischen Behörden tun absolut nichts. Im Gegenteil: Die Soldaten verteilen bei Sport- und Unterhaltungsveranstaltungen Freibier an unsere jungen Männer und unter der Hand verteilen sie Drogen. So untergraben sie die Moral der Menschen hier. Ich habe inzwischen schon Angst, wenn ich meine Tochter mit der Motorrikscha zur Schule schicke. Wie kann ich wissen, dass der Fahrer nicht unter Drogen steht.“

Interreligiöser Dialog: Gemeinsame Projekte sollen Versöhnung fördern. (Thomas Kruchem )

Frauen hätten heute Angst, durch die Straßen von Jaffna zu gehen, sagt Kirusa Judeson; weil ihnen Jugendliche, von Mopeds herab, Ketten vom Hals reißen. Sie bräuchten Geld, sagt Pater Ravichandran – für Drogen, für das neueste Smartphone.

Konsum als Ersatz für nationale Ideale

„Viele junge Leute sind verrückt nach Motorrädern und Autos. Sie leihen sich Geld von Verwandten, die im Ausland leben, verschulden sich bei Kredithaien und können dann oft die Raten nicht bezahlen. Manchmal endet das im Selbstmord. Schlimm ist auch der um sich greifende Statuswettbewerb zwischen Familien. Die eine Familie kauft ein Auto; die andere will mithalten. Die eine Familie veranstaltet ein großes Fest; die andere verschuldet sich, um mit einem mindestens ebenso großen Fest zu protzen.“

Konsumbedürfnisse. Ersatz für jene nationalen Ideale, für die die Tamilen jahrzehntelang härteste Entbehrungen auf sich nahmen. Arbeit allerdings, die solche Konsumbedürfnisse finanzieren könnte, ist außer Reichweite für die meisten Tamilen im Norden Sri Lankas. Die Regierung hat nach dem Krieg zwar Straßen und Eisenbahnen gebaut, aber es gibt kaum Industrie, kaum Arbeitsplätze.

Entwicklung in Sri Lanka funktioniere nicht, solange das Volk der Tamilen am Boden liege – sagt Justin Ganapragasam, der katholische Bischof von Jaffna. Das Land brauche Versöhnung; Sieger müssten auf Besiegte zugehen. Sie müssten, zum Beispiel, endlich die im Krieg begangenen Verbrechen aufarbeiten – Verbrechen der singhalesischen Streitkräfte und der tamilischen Rebellen. Bischof Justin Ganapragasam sagt:

„Die Wahrheit muss ans Tageslicht“

„Die Menschen warten darauf, dass die Wahrheit ans Tageslicht kommt. Und es verbittert sie, dass dies mit allen möglichen Tricks verhindert wird. Dabei würde ein offener Umgang mit der Wahrheit viele Wunden heilen. Das Schicksal ihrer Verschwundenen belastet die Menschen hier am meisten. Und nur, wenn Kommissionen, gleich welcher Art, die Schuldigen feststellen, werden die Menschen inneren Frieden finden.“

Sri Lankas neue Regierung scheint offen für eine unabhängige Untersuchung von Kriegsverbrechen. Ganz anders die singhalesisch-buddhistische Opposition, in der Mönche eine führende Rolle spielen.

„Buddha hat stets Liebe und Frieden gepredigt – nicht Hass und Gewalt.“ Der hinduistische Sri Lakshmi Narayana-Tempel, den auch Buddhisten besuchen. (Thomas Kruchem)

In Sri Lanka sind ethnische und religiöse Identität bei den buddhistischen Singhalesen unauflösbar miteinander verbunden. Singhalesen sind Buddhisten – und umgekehrt. Und viele buddhistische Mönche sehen ihre wichtigste Aufgabe darin, die Verteidigung singhalesischer Herrschaft ideologisch zu untermauern. Deshalb gründeten 2012 radikale Mönche die Organisation „Bodu Bala Sena“, eine – so wörtlich – „Armee der buddhistischen Macht“. Und mehrfach haben gewalttätige Mobs in den vergangenen Jahren Kirchen und Moscheen gestürmt – aufgestachelt von buddhistischen Mönchen. Andere Mönche verurteilen derlei politischen Extremismus. Sirivimala Thero, etwa, Singhalese und leitender Mönch im „Sri Naga Vihara“-Tempel in Jaffna:

„Buddha hat stets Liebe und Frieden gepredigt – nicht Hass und Gewalt. Wie Jesus hat er gesagt: ‚Du sollst deine Feinde lieben.‘ Und ich bin sehr traurig darüber, dass etliche Mönche hier in Sri Lanka als extremistische Politiker Gewalt zwischen den Volksgruppen schüren. So schaffen sie keinen Frieden, sondern nur Leid unter den Menschen. Diese Mönche, deren Verhalten zu tief greifenden Konflikten in unseren Klöstern geführt hat, sind keine Buddhisten. Sie tun das genaue Gegenteil von dem, was Buddha predigte.“

Der Mönch Sirivimala ist, wie Pater Ravichandran, beteiligt an einer Initiative, die den Dialog fördert zwischen Menschen unterschiedlicher Ethnien und Religionsgemeinschaften. Die Initiative wurde ins Leben gerufen von buddhistischen, hinduistischen, christlichen und muslimischen Geistlichen. Gemeinsame Projekte wie die Renovierung von Gotteshäusern sollen Versöhnung fördern. Kürzlich, zum Beispiel, haben sich 50 Witwen tamilischer Kriegsopfer mit Witwen singhalesischer Soldaten getroffen.

source: http://www.deutschlandfunk.de/sri-lanka-und-die-religion-versoehnung-statt-demuetigung.886.de.html?dram:article_id=354329

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