Wie passen Kollywood und R’n’B zusammen? Die tamilische Sängerin Priya Ragu im NOIZZ-Interview über ihren Genre-Mix

Kann man südindische Sounds und R’n’B mischen? Anscheinend schon. Die schweizerisch-tamilische Künstlerin Priya Ragu experimentiert mit einer neuen Form dieses Musikgenres – doch sie war nicht immer im Einklang mit ihrer Kultur.

Ein Laie könnte wohl meinen: R’n’B klingt immer gleich. Ein ruhiger Bass, eine gefühlvolle, weibliche Stimme, die ziellose Melodien vor sich her singt. Es wird eine Menge mit schlüpfrigen Lyrics über Sex oder Verletzlichkeit gearbeitet, rhythmisch ähneln die Songs einem unehelichen Kind des Jazz

Wer sich mehr in das Genre reinhört, beginnt, die einzelnen Nuancen herauszuhören, Subgenres zu entdecken und ein System hinter den im ersten Anschein random wirkenden Tonfolgen zu entdecken. Doch es gibt eine R’n’B-Sängerin, die es trotzdem anders macht – und damit gerade deutlich heraussticht. 

Priya Ragus einziger Song heißt „Good Love 2.0“

Priya Ragu hat erst einen einzigen Song draußen, doch der macht schon klar, wer die Schweizerin indisch-tamilischer Abstammung musikalisch sein will. Der Song „Good Love 2.0“ ist eine Mischung aus Pop, R’n’B undKollywood-Sound – das Bollywood-Pendant der Tamilen. 

Der Song beginnt wie jeder Song, der es in die Charts schaffen will: mit einem Disco-ähnlichen Beat, der Melodie und Vocals bestimmt. Dann folgt ein eingängiger Refrain. Doch anstelle des sonst üblichen „Rinse & Repeat“-Systems, wo das ganze noch mit der Zufuhr einer Bridgewiederholt wird, endet „Good Love 2.0“ in einem Sound, der begleitet ist von einem Remix der Hook mit tamilischen Instrumenten, südindischen Chorgesängen, Sounds, die sonst nicht Teil von üblichem R’n’B sind.

Was steckt hinter der mysteriösen Künstlerin, die den sonst so von westlichen Instrumenten und Melodien geprägten R’n’B zu ihrem eigenen Ding gemacht hat? Denn obwohl sich für R’n’B-Fans keine zwei Künstler*innen der R’n’B-Szene gleich anhören, klingen sie irgendwie doch alle gleich. Sie benutzen dieselben Instrumente, dieselben Strukturen, dieselben Beats. Das will Priya Ragu mit ihrem Bruder als Produzenten nun anders machen.

Kollywood-Sound wurde zu Priya Ragus Geheimwaffe

Als Kind war sie uncool wegen ihrer indisch-tamilischen Wurzeln. Nicht, weil ihre Umgebung ausländerfeindlich war – sondern, weil speziell ihre Herkunft uncool war. NOIZZ hat sie erzählt, wie sie den typischen Kollywood-Soundals ihre Geheimwaffe entdeckte, was ihr die Zusammenarbeit mit ihrem Bruder bedeutet und wie es für sie als Frau nicht immer einfach war, ihre Eltern von ihrer Leidenschaft zu überzeugen.

NOIZZ: Wie würdest du die Musik-Industrie beschreiben? 

Priya Ragu: Ich kenne sie nur aus der Schweiz – und die ist wirklich klein. Früher habe ich mich in ihr echt unsicher gefühlt. Ich war eine braunhäutige Frau, die Englisch gesungen hat. Ich war mir nicht sicher, ob es dafür überhaupt ein Publikum gibt. Der Mainstream wollte schließlich schweizerische oder deutsche Musik hören. Jetzt sind die Leute offener, musikalisch gesehen. Vor zehn Jahren hätte niemand meine Songs im Radio gespielt.

Denkst du, dass es in der Musik-Industrie eine Form von westlicher Exklusivität gibt, die es problematisch für Newcomer macht, neue, zum Beispiel indisch geprägte, Sounds vorzustellen? 

Ich habe das große Bild damals nicht gesehen. Ich war so fokussiert auf meine Schweizer Bubble. Niemand hat Musik wie ich in der Schweiz gemacht, ich hatte kein Vorbild. Deswegen dachte ich, dass auch ich nicht berühmt werden könnte, aber dann habe andere Länder angefangen, mir Aufmerksamkeit zu schenken. Aber ich habe es nie so gesehen, als würde ich von etwas ausgeschlossen werden.

Was ja etwas Gutes ist!

Ja, genau! Menschen hören meine Musik, und es macht sie glücklich. Sie schreiben mir, dass sie heiter ist, etwas Neues. Ich habe mich immer gefragt, wie westliche Menschen Kollywood-Musik erleben. Ich persönlich fühle mich dieser Musik wirklich verbunden, und ich frage mich, ob es für westliche Menschen auch so ist. Jetzt, wo ich sehe, dass sie es auch fühlen, ist das für mich sehr erfüllend.

Wie hast du dich entschieden, deine Wurzeln in deine Musik einzubinden? 

Es ist sehr natürlich passiert. Mein Bruder produziert die ganze Musik, wir haben uns vor anderthalb Jahren entschieden, zusammen zu arbeiten. Ich höre Soul und Jazz, er hört Hip-Hop, Boom-bap. Der erste Song war dementsprechend schwierig. Ich war stoisch, er war stoisch. Dann gab es diesen Punkt, wo wir beide einfach aufgegeben haben. Wir waren offen dafür, etwas Neues zu probieren – das war für mich früher nie so. Dann haben wir einen Sound kreiert, den ich nie für möglich gehalten hätte. Wir haben den Song „Lighthouse“ veröffentlicht, doch haben ihn wieder runtergenommen, um ihm später mehr Aufmerksamkeit zu ermöglichen. Mit dem Song haben wir mit zwei Welten kommuniziert. Zu Hause ist alles tamilisch, draußen alles westlich. Es fühlte sich so erfrischend an, unser Inneres auszudrücken und dabei keine der beiden Welten auszuschließen. Ich hätte nie gedacht, dass die Schweizer Radiosender unseren Song spielen würden – aber das haben sie!

Dein Vater hat dir damals verboten, live mit einem Cover von Alicia Keys‘ „Fallin'“ aufzutreten. Ich liebe dieses Lied! Warum wollte er nicht, dass du es singst? 

Ich war 16, und meine Eltern sind sehr streng, sehr konservativ. Mein Bruder war in einer Hip-Hop-Band, und es hat mich sehr viel Mut gekostet, vor ihm und seinen Freunden zu singen. Aber ich wollte ihnen zeigen: Ich habe eine Stimme, und so hört sie sich an! Sie fanden es cool und wollten mich in ihrer Show miteinbeziehen. Ich sagte sofort zu. Es war das einzige Mal, wo ich strahlen konnte. Ich war sonst immer diejenige in der Schule, die nur eine*n Freund*in hatte. Ich habe nicht sehr viel Aufmerksamkeit bekommen. Doch plötzlich hatte ich eine Stärke, und ich wollte sie an dem Abend zeigen. Ich habe alles in meinem Tagebuch aufgeschrieben und aus Versehen liegen gelassen. Dann hat mein Vater alles gelesen. An dem Abend fragte er mich, wo ich hingehen würde, und ich sagte, zu einer Geburtstagsfeier. Er sagte, niemals. Niemals wirst du auftreten. Auf keinen Fall. Ich war am Boden zerstört.

Aber warum? Wovor hatte er Angst?

Er hat nicht an Musik als Karriere geglaubt. Er wollte mich beschützen. Das Nachtleben, die Bühne, Typen, die Alkohol trinken, rauchen – er wollte mich nicht in dieser Welt haben.

Aber dein Bruder war doch in genau dieser Welt? 

Genau, und meine Eltern haben das nicht unterstützt. „Auf keinen Fall gehst du in diese Welt“, haben sie mir gesagt. Sie hatten einen negativen Blickwinkel auf diese Szene, sie sind vor einem Bürgerkrieg geflohen, in ihrem Leben ging es immer nur ums Überleben. Sie wollten uns ein besseres Leben ermöglichen, mit mehr Chancen. Wir sollten uns in die Schularbeit stürzen, das, was alle Eltern für ihre Kinder wollen, nur intensiver. Irgendwann habe ich mich entschieden, nichts mehr mit meinen Eltern zu teilen. Ich wollte alles für mich selber tun, bis etwas so Großes passiert, was ich ihnen zeigen kann. Ich wusste, dass ich nicht das Einverständnis meiner Eltern brauchte, aber es wäre schön, deren Segen zu haben. Es war nicht immer einfach, aber jetzt sind sie stolz auf mich. Mein Vater kann sich nicht mal mehr erinnern an den Tag, als er mir verboten hat, Alicia Keys zu singen.

War es nicht unfair, dass dein Bruder nicht dieselbe Behandlung bekommen hat wie du? 

Natürlich. Es war unfair. Alles war unfair. Das Leben war unfair.

Du hast mal erzählt, dass du die Stereotype über Menschen aus Sri-Lanka hinterfragen willst. Hast du je Angst, selber zu viel von deiner Kultur zu zeigen, weil du kein Stereotyp erfüllen willst? 

In meinen jungen Jahren – definitiv. Ich habe mich von meiner Kultur und meinem Hintergrund distanziert, ich dachte, er wäre nicht cool. In der Schule haben sich Leute über meine Klamotten und meinen Akzent lustig gemacht. Ich war nicht die Art von Mädchen, die Jungs mochten. Sie mochten Latinas aus Paraguay. Das war etwas ganz Besonderes. Aber ich war eine Tamilin aus Sri-Lanka! Es war … du weißt schon. Über die Jahre habe ich mich dann angefangen zu fragen, wer ich bin und wo ich herkomme, und habe angefangen zu verstehen, welchen Struggle meine Eltern hatten, als sie hergekommen sind. Dann erst habe ich angefangen, meine Kultur und meinen Hintergrund wertzuschätzen. Du fängst an, selbst die kleinen traditionellen Sachen als wertvoll anzusehen, weil sie so selten und besonders sind. Früher war es nicht cool, doch jetzt habe ich meine Kultur für mich reclaimt.

Was ist das Beste, das dir in deiner Karriere passiert ist?

Diesen Weg mit meinem Bruder zu gehen. Es macht so viel mehr Spaß. Ich glaube, Erfolg bedeutet, Erinnerungen zu generieren, und dass kann ich mit meinem Bruder machen. Wenn ich in 20 Jahren zurückblicke und mich an alles erinnere, was wir zusammen gemacht haben – das wird so schön.

Inwiefern ist es schwierig, wenn dein Bruder so nahe an deiner Karriere steht?

Wir werden sehr beschützend von unserem Bund. Früher war es nur ich und er, jetzt sind wir zwei Menschen in einem großen Team. Du weißt nie, ob sich jemand zwischen euch stellt. Es ist eine Herausforderung, aber wir sind alt genug, um über alles zu reden.

Du benutzt Kollywood-Musik. Kannst du mir etwas darüber erzählen? Wie hört sich Kollywood an? 

Die Songs benutzen eine andere Art von Storytelling. Westliche Lieder gehen so: Strophe, Refrain, Strophe, Bridge, Refrain. In der tamilischen Kultur haben wir einen Refrain, dann wird eine langwierige Geschichte in Form eines Zwischenspiels erzählt. Es ist der längste Song, den es je gegeben hat, aber dafür kannst du richtig in die Lieder eintauchen. Außerdem benutzen sie viele andere Instrumente, Flöten, Violinen. Und die Produzenten sind berühmter als die Sänger! Die Sänger sind mehr wie Backgroundstimmen.

Welche Parallelen siehst du zwischen traditionellem R’n’B und sri-lankischer Musik? 

Die melancholischen Melodien sind sich wirklich ähnlich. Diesen Vibe kannst du einfach in eine westliche Musikart einbinden.

Wärst du genauso erfolgreich, wenn du „normalen“ R’n’B machen würdest? 

Die Kombination macht meine Musik besonders. Es gibt viele Sänger*innen, und wir haben alle ein eigenes Talent, aber wir müssen es finden. Sobald wir es finden, können wir es benutzen. Ich habe das Gefühl, dass ich meins gefunden habe. Wenn ich es nicht gefunden hätte, wäre ich nicht so erfolgreich, aber es hat auch lange gedauert, bis ich es verstanden habe. Mein Bruder war die Formel. Er war das fehlende Puzzlestück.

Du kannst Priya Ragus Musik auf Spotify oder Apple Music streamen.

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  • Quelle: NOIZZ.de
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